Liesmich Nr. 2 – Nachhaltig bauen, bezahlbar wohnen
Wo bezahlbarer Wohnraum wirklich entsteht
Bezahlbarer Wohnraum gehört zu den drängendsten sozialen Herausforderungen unserer Zeit und ist eine wesentliche Voraussetzung für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Junge Familien, Auszubildende, Alleinerziehende und Senior:innen stehen zunehmend vor der Schwierigkeit, eine bezahlbare Wohnung zu finden.
Die Erschließung neuer Baugebiete am Stadtrand von Ingelheim löst dieses Problem jedoch nicht nachhaltig. Vorhaben in topografisch anspruchsvollen Lagen – etwa am Hang des Mainzer Berges oder im Bereich des Rahmenplans »Münchborn« – verdeutlichen das Dilemma: Aufwendige Hangsicherungen, komplexe Straßenführungen und umfangreiche Kanalbaumaßnahmen treiben die Erschließungskosten in die Höhe. Diese Kosten spiegeln sich in den späteren Quadratmeterpreisen wider, es entstehen hochpreisige Immobilien. Gleichzeitig gehen landwirtschaftliche Flächen verloren und Frischluftschneisen für das Stadtklima werden verbaut.
Erfolgreiche Wohnungsbaupolitik muss deshalb dort ansetzen, wo bezahlbares Wohnen wirtschaftlich realisierbar ist, ohne die natürlichen Lebensgrundlagen zu beeinträchtigen.
Eine zukunftsfähige Stadtentwicklung folgt dem Grundsatz »Innenentwicklung vor Außenentwicklung«. Ziel ist es, den Flächenverbrauch zu begrenzen und zugleich die Lebensqualität in bestehenden Quartieren zu steigern. Eine kompakte Bauweise, die Wohnen, Arbeiten und Nahversorgung sinnvoll miteinander verbindet, schafft kurze Wege zu Einkaufsmöglichkeiten, Schulen und öffentlichem Nahverkehr. Das reduziert den Autoverkehr und stärkt lebendige Nachbarschaften.
Die Folgen der Klimakrise erfordern eine widerstandsfähigere Stadtentwicklung. Das Konzept der Schwammstadt setzt deshalb auf Entsiegelung, Versickerungsmulden, Baumpflanzungen und Dachbegrünungen. Regenwasser wird vor Ort gespeichert, wodurch Überflutungen bei Starkregen verringert und an heißen Tagen kühlende Effekte erzielt werden.
Ergänzt werden diese Ansätze durch moderne Mobilitätskonzepte: Quartiersgaragen bündeln den ruhenden Verkehr und schaffen Platz für breite Gehwege, Spielplätze und Grünflächen. Der Rahmenplan »Grießmühle« zeigt bereits, wie diese Grundsätze in Ingelheim erfolgreich umgesetzt werden können.
Die nachhaltigste Wohnung ist die, die ohne zusätzlichen Flächenverbrauch entsteht. Baulücken, Leerstände und Aufstockungen bieten erhebliche Potenziale. Instrumente wie ein Leerstandskataster, eine Leerstandssteuer oder die Grundsteuer C auf baureife Grundstücke können dazu beitragen, Spekulationen entgegenzuwirken und geeignete -Flächen einer Bebauung zuzuführen.
Gleichzeitig muss sich der Wohnungsbau stärker am tatsächlichen Bedarf orientieren. Gefragt sind vor allem kleinere und barrierefreie Wohnungen. Viele Senior:innen würden sich räumlich verkleinern, wenn sie im vertrauten Umfeld ein passendes Angebot fänden. Ältere Menschen erhalten bedarfsgerechten Wohnraum, während ihre bisherigen Häuser für junge Familien frei werden. Eine kommunale Wohnungstauschbörse kann diesen Prozess unterstützen und Angebot und Nachfrage zusammenführen.
Bezahlbarer Wohnraum und ökologi-sche Verantwortung sind keine Gegensätze. Sie bilden die Grundlage einer nachhaltigen und zukunftsfähigen Stadtentwicklung.
Von Stephen Heiser